Erfolgsstory oder Trauma?

Vortrag von Dr. Welz zur Übernahme der NVA-Reste in die Bundeswehr

Im kalten Krieg war die Bundesrepublik von dem starken Militärpotential des "Warschauer Paktes" bedroht." Seit Mitte der 1950er Jahre standen sich somit in Deutschland zwei deutsche Armeen feindlich gegenüber: Die Bundeswehr (BW) im Westen, die „Nationale Volksarmee“ (NVA) im Osten. Sie standen sich gegenüber in zwei feindlichen Systemen, dem „Warschauer Pakt“ im Osten und dem nordatlantischen Bündnis, der „NATO“ im Westen.

Im Bürgerbüro von Andreas Statzkowski referierte und diskutierte Dr. Joachim Welz über das spannende Thema: „Übernahme der Reste der NVA In die Bundeswehr“.

Im Stechschritt marschierten Soldaten der NVA am 2. Oktober 1990 zum letzten Fahnenappell im Verteidigungsministerium der DDR in Strausberg: Die NVA wurde einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung aufgelöst und ihre Reste in die Bundeswehr eingegliedert. Aus zwei hochgerüsteten Armeen, die angetreten waren, den Feind auf der anderen Seite der Demarkationslinie in Schach zu halten und notfalls zu vernichten, sollte eine „Armee der Einheit“ werden. Inwieweit dies gelungen ist, hat Dr. Joachim Welz, Oberstleutnant der Reserve, in seinem Buch „Erfolgsstory oder Trauma? – Die Übernahme von Armeen“ (Miles Verlag, Berlin) dokumentiert. In einer Lesung im Bürgerbüro Statzkowski befasste sich Dr.  Welz jetzt vor allem mit der Auflösung der NVA und der Übernahme von deren Resten in die Bundeswehr 1990.

NVA: Multiplikatoren der Staatsideologie

„Die hochgerüstete „Nationale Volksarmee“ der DDR war mehr als die militärische Speerspitze des Warschauer Paktes“, erklärte Dr. Welz in seiner Lesung. Die NVA war auch ideologisch „Schild und Schwert“ der Partei, ein wesentliches Instrument der Regierung im hasserfüllten Kampf gegen den kapitalistischen „Feind“ im Westen und dessen Armee, die Bundeswehr. Die Soldaten der NVA waren einer ständigen „Rotlichtbestrahlung“ (Dr. Welz) ausgesetzt und sollten ihrerseits als Multiplikatoren der Staatsideologie in die Bevölkerung einwirken. Der Anteil der SED-Mitglieder im Offiziersrang lag folglich bei deutlich über 90 Prozent.

Darüber hinaus war die Armee der DDR auch eine Arbeitskräfte-Reserve, wenn es darum ging Engpässe in Landwirtschaft und Industrie zu überwinden.

Insgesamt, so Dr. Welz, war die DDR einer der am stärksten militarisierte Staat der Welt. Neben den zuletzt noch 90.000 NVA-Soldaten dienten 44.000 bei den Grenztruppen und 11.000 beim Wachregiment und 210.000 bei den Kampfgruppen der SED (paramilitärische Organisation der Beschäftigten in der DDR). Mit einer vormilitärischen Ausbildung und Wehrkunde wurde die Jugend des Landes auf den Militärdienst vorbereitet.

Die Bundeswehr hatte bis zu 495.000 Soldaten im Einsatz. Beide Armeen verfügten demnach über eine Kampfstärke, die die Vorgaben der Alliierten in den Verträgen mit den beiden deutschen Staaten zur Wiedervereinigung weit überstieg. Als Höchstgrenze waren in den Zwei-plus-Vier-Verträgen 370.000 Soldaten festgelegt worden. Rund 215.000 Männer und Frauen mussten also ihren „Helm“ nehmen.

Als „nicht tauglich“ für die neue deutsche „Armee der Einheit“ galten generell alle NVA-Mitglieder, die als Angehörige der Staatssicherheit gedient hatten, die älter als 55 Jahre waren sowie alle Generale/Admirale, Polit-Offiziere und alle Offiziere der Grenztruppen. Für Frauen war damals sowieso noch kein Platz in der Bundeswehr.

Übernommen in die Bundeswehr wurden schließlich 10.800 Berufssoldaten. Das entspricht sieben Prozent der NVA--Gesamtstärke.

Aus Feinden mussten Freunde werden

Wer in die neue Armee aufgenommen wurde, musste sich anschließend einem intensiven Umschulungs- und Ausbildungsprogramm unterziehen. Dr. Welz: „Der Wechsel brachte erhebliche tatsächliche oder gefühlte Nachteile mit sich.“ Psychologisch mussten die ehemaligen NVA-Soldaten verkraften, dass aus den „gelernten Feinden“ der Bundeswehr plötzlich „verordnete Freunde“ geworden waren, dass ihr ideologisches Weltbild, das sie gelobt hatten „gegen alle Feinde“ zu verteidigen, zerbrochen und durch das Weltbild des Gegners ersetzt worden war. Ihre NVA-Dienstgrade wurden abgesenkt, akademische Grade nicht anerkannt, ihre Bezüge drastisch gekürzt und selbstständige Führungspositionen blieben ihnen zunächst verschlossen. In der NVA erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten wurden häufig nicht anerkannt. Selbst eine „militärische Fahrerlaubnis“ musste neu erworben werden.

Erst mit der Beförderung ehemaliger NVA-Offiziere zu Obersten oder zum General (Gert Gawellek, 2014) verbesserte sich Schritt für Schritt der Integrations-Prozess. Schon bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr spielte die Herkunft längst keine Rolle mehr. So ist die Armee der Einheit aus der westlichen Sicht doch noch zu einer Erfolgsstory geworden.